Enthusiastische Angst

Enthusiastische Angst
Beim Schreiben habe ich dieses eine Stück gehört, immer wieder: Mendelssohns Concerto for Violin, Piano and Strings in d-Moll, das zweite Adagio (Apple Music · Spotify). Nehmt euch einen Moment, eine kleine Auszeit - wer mag: Hört es einmal, bevor ihr diesen Text lest, und dann noch einmal, während ihr ihn lest.

Eigentlich wollte ich über Claude for Legal schreiben. Über Legal AI, über große Sprachmodelle und darüber, was sie mit unserem Handwerk anstellen. Doch je länger ich hinsah, desto deutlicher wurde mir: Der größte Teil dieses Bildes ist nicht technisch. Meine Frau, Psychologin und Psychotherapeutin, hat mich darauf aufmerksam gemacht, dass die Psychologie für das, was ich überall beobachtete - eine Furcht, die nach vorn in Begeisterung flüchtet -, längst Namen kennt: Kontraphobie, manische Abwehr. Und dass es damit zutiefst menschlich ist. Allzu menschlich. Es geht hier weniger um Modelle und Benchmarks als um diese Furcht - und um die Zuversicht, die wir uns trotzdem, oder gerade deshalb, erlauben sollten.

Also ist daraus ein anderes Stück geworden. Eines über technologische Umbrüche, über die Furcht in ihrem Schlepptau und über das, was übrig bleibt, wenn man die Furcht endlich ablegt. Es beginnt nicht am Bildschirm, an dem ich heute arbeite. Es beginnt im Souterrain meiner Kindheit.

„Sind noch Ralph Lauren da?"

Diese Worte rief mein Vater häufig hinunter ins Souterrain, dort, wo der Schrank mit seiner Arbeitskleidung stand. Mein Vater ist Orchestermusiker. „Ralph Lauren", das waren die Hemden - die weißen, makellosen, gestärkten, die er unter dem Frack trug. Und neben den Hemden hing eben jener Frack: das Kostüm des Musikers, die Uniform des Konzertabends.

Als Kind stellte ich mir bei diesem Ruf immer dieselbe Frage: Wozu? Wozu braucht die Musik diese Kleidung? Heute habe ich viele Antworten parat. Tradition. Das Gesamterlebnis. Die Würde des Anlasses. Und doch bleibt die kindliche Frage berechtigter, als mir lieb ist. Denn nötig ist all das nicht - jedenfalls nicht, sobald es zum Selbstzweck wird. Natürlich geht es im Konzertsaal auch um Unterhaltung, und natürlich sind dabei alle Sinne im Spiel. Aber sie sollten bewusst bespielt oder bewusst ausgespart werden. Der Fokus gehört woandershin: auf den Kern. Auf die Berührung des seelischen Empfindens durch Klänge. Alles andere ist Rahmen. Schöner Rahmen, manchmal. Aber Rahmen.

Ich erzähle das nicht aus Nostalgie. Ich erzähle es, weil dieser Schrank im Souterrain mir früh etwas beigebracht hat, das ich erst sehr viel später wieder erkannt habe - diesmal nicht im Konzertsaal, sondern in meinem eigenen Beruf, mitten in der Aufregung um die künstliche Intelligenz.

Eine Branche, die ihren eigenen Tod fürchtet

Der Markt der klassischen Musik ist seit Langem von einer Angst geprägt, die sich heute, in der KI-Ära, so breit wie nie zuvor in fast jede Arbeitswelt drängt: Wird mein Erzeugen obsolet? Wird man eines Tages nicht mehr brauchen, dass ich klassische Musik mache, ein Schriftstück verfasse, ein Taxi lenke, eine Klage formuliere?

In der Klassik ist diese Angst gewissermaßen eingebaut, und sie hat einen messbaren Kern. Das Publikum altert, und zwar deutlich. In den USA lag das Durchschnittsalter der Konzertbesucher 1982 bei vierzig Jahren, 1992 bei fünfundvierzig, 2002 bei neunundvierzig. In Frankreich ist das Medianalter der Besucher klassischer Konzerte von sechsunddreißig Jahren im Jahr 1981 auf rund einundsechzig geklettert; 2022 waren dort fast sechzig Prozent des Publikums älter als fünfundsechzig. Wer in diesen Zahlen sitzt, hört über Jahrzehnte denselben leisen Refrain mitlaufen: Es stirbt aus. Mein Schaffen wird bald nicht mehr gebraucht.

Und doch erzählen die Zahlen noch etwas anderes, etwas Tröstliches, das im Lärm der Angst gern überhört wird. Die Besuchsquote insgesamt ist über Jahrzehnte erstaunlich stabil geblieben - von 1979 bis 2022 gingen ziemlich konstant fünfzehn bis zwanzig Prozent der Befragten in solche Konzerte. Das Publikum altert also nicht, weil es ausstirbt, sondern zu einem guten Teil, weil eine bestimmte Generation der Musik besonders treu ist. Es ist Wandel, nicht Untergang. Aber die Angst hört das nicht. Angst rechnet nicht. Angst extrapoliert die schlimmste Linie und nennt das Realismus.

Die Flucht in den Überschwang

Was macht eine Branche, die ihren eigenen Tod fürchtet? Sie flüchtet nicht selten in einen geradezu peinlichen Über-Enthusiasmus. Aus der Sorge, übersehen zu werden, wird Marktschreierei. Es entstehen Sternchen und Casting-Erzählungen, ein dauernder Wettbewerbsbetrieb, Crossover-Cover, die Eventisierung von allem. Der Konzertsaal wird zur Bühne für alles Mögliche - nur der Kern, die Musik selbst, gerät dabei zusehends aus dem Blick.

Ich will nicht falsch verstanden werden. Kommerz ist nicht schlecht. Es braucht schöne Cover, kluges Marketing, und manchmal ist genau das Crossover-Stück die Tür, durch die jemand zum ersten Mal hereinkommt. Der Frack kann das perfekte Kleidungsstück sein. Der Punkt ist nicht Purismus, nicht Askese. Der Punkt ist allein, dass über dem Überschwang der Kern nicht verloren gehen darf. Denn das ist die eigentliche Mechanik: Angst vor dem vermeintlich Unabwendbaren führt zu verkrampftem Enthusiasmus. Und verkrampfter Enthusiasmus klingt von außen wie Begeisterung - ist aber, ehrlich besehen, nur gut gekleidete Furcht.

Dieselbe Angst, jetzt überall

Wenn ich mich heute umhöre - in Telefonaten mit Freunden, in beruflichen Gesprächen, und am schlimmsten beim Öffnen von LinkedIn -, dann begegnet mir genau diese enthusiastische Angst wieder. Nur diesmal nicht in einem Nischenmarkt, sondern überall, ins Unermessliche potenziert. All die frischgebackenen KI-Expertinnen und -Experten, all die Threads, die dir in fünf Punkten erklären, warum dein Beruf in achtzehn Monaten verschwindet - und dir im sechsten Punkt ein Webinar verkaufen. Ich sage das ohne Überheblichkeit, im Gegenteil, mit einem zynischen Seitenblick auf mich selbst: Ich bin einer von ihnen. Auch ich spiele das Spiel mit, öfter als mir lieb ist.

Die Parallelen zur Industrialisierung und zum Internet will ich hier nicht breit auswalzen - sie sind offensichtlich, und gerade deshalb stützen sie den Punkt. Jede große technologische Welle bringt zwei Dinge zugleich hervor: reale Verschiebungen, die Existenzen treffen, und eine Geräuschkulisse aus Angst, die so laut wird, dass sie den Blick auf eben jene realen Verschiebungen verstellt. Wir reden so viel über die Welle, dass wir vergessen zu schwimmen.

„Schatz, ich brauche ein Upgrade!"

Diese Worte rief ich meiner Frau zu, nach meiner ersten echten Session mit Coding-Agents - vier Projekte gleichzeitig, parallel laufend, alle in Bewegung. Ich war aufgeregt, fasziniert, ausgelaugt, überfordert und zutiefst euphorisch, alles auf einmal. Ich weiß nicht mehr, wann mir zuletzt so unmittelbar vor Augen geführt wurde, dass die Produktivität ausschließlich an mir hängt - an meinem Denken, meiner Aufmerksamkeit, meiner Fähigkeit, mehrere Fäden zugleich zu halten.

Ja: Das Brot-und-Butter-Geschäft des Programmierens, das schlichte Herunterschreiben von Code, ist in seiner alten Form dem Untergang geweiht. Das wurde mir in dieser Session ebenso klar, und die Folgen davon sind weitreichend und für mich und viele andere sehr unangenehm; ich will das nicht kleinreden. Aber dann stellt sich, wie einst im Souterrain, die eigentliche Frage - die Hemdfrage: Was ist hier wirklich der Kern? Mein Kern war nie das Kodieren. Mein Kern war die Prozessoptimierung mithilfe von Technologie - Probleme in Strukturen übersetzen, Strukturen in Software gießen. Und genau das gelingt mir jetzt ungleich produktiver als je zuvor. Es verlangt eine Anpassung des Denkens, des Handelns, eine tiefgreifende Umstrukturierung dessen, wie ich arbeite - mehr, als mir lieb ist; gefühlt mehr, als ich zu bewältigen imstande bin. Aber der Kern ist nicht verschwunden. Er ist freigelegt.

Und hier lohnt die Ehrlichkeit, die kein Verkaufsprospekt liefert: Diese Modelle leisten Beachtliches im Programmieren - fairerweise muss man aber sagen, dass Code auch das naheliegendste Feld ist, weil es das verhältnismäßig einfachste ist. Code ist eindeutig. Code ist überprüfbar. Code kompiliert oder kompiliert nicht, der Test läuft grün oder rot. Wäre das Recht so eindeutig und so überprüfbar wie ein Programm, was wäre das für eine schöne, klare Welt. Sie ist es nicht. Und genau in dieser Uneindeutigkeit liegt die eigentliche Geschichte.

Gerade dort, wo Sprache, Urteilskraft und Verantwortung zusammenkommen - im Recht, und für mich vor allem im Feld des geistigen Eigentums -, ist die enthusiastische Angst besonders laut. Hier wird die Furcht greifbar, weil hier die Substanz auf dem Spiel steht: Wenn Recht teilweise automatisierbar wird, was bedeutet das für die, die es bisher von Hand gemacht haben?

Nehmen wir das konkrete Beispiel, von dem ich eigentlich ausgegangen war. Im Mai 2026 hat Anthropic „Claude for Legal" vorgestellt - eine Suite aus praxisfeldspezifischen Plug-ins, dutzenden Workflow-Agenten und Anbindungen an die etablierten Plattformen der Branche. Es ist Anthropics bisher deutlichster Schritt in den Rechtsmarkt.

Und ich gestehe: Ich bewundere das Unternehmen dahinter. Claude war lange ein Vorreiter im Können, ohne im selben Maße in den Köpfen präsent zu sein - technisch oft vorn, in der öffentlichen Wahrnehmung dahinter. Das hat sich gerade gedreht, ablesbar an einer denkbar deutlichen Metrik. Ende Mai 2026 erreichte Anthropic in einer Finanzierungsrunde eine Bewertung von rund 965 Milliarden Dollar und überholte damit erstmals OpenAI; kurz darauf folgte die vertrauliche Einreichung für den Börsengang. Die Fähigkeit war lange da. Jetzt holt die Wahrnehmung - und der Wert - endlich auf.

Genau in diesem Moment beobachte ich mich selbst dabei, wie mich die falsche Frage anzieht - dieselbe, die in den Wochen nach dem Launch überall diskutiert wurde. Steckt hinter Claude for Legal echte, langfristige Ambition? Oder ist es, zynisch gefragt, eher ein gut getimter Schritt im Vorfeld des Börsengangs - kaum einen Monat alt und schon wieder halb vergessen, sobald die nächste Schlagzeile kommt? Diese Frage ist verführerisch. Sie ist auch ein Nebenkriegsschauplatz. Sie ist, ehrlich gesagt, schon ziemlich meta - und sie verfängt einzig deshalb, weil da diese Angst ist, die nach einem Ventil sucht. Wer Angst hat, sucht nach dem Haken, nach dem Beweis, dass es doch nur Show ist. Ich will dieses Spiel nicht mitspielen.

Denn die eigentliche, schönere Frage liegt darunter: Wie können wir das Rechtssystem - die konkrete Anwendung und Durchsetzung von Recht - mit diesen neuen Fähigkeiten zum Besseren wandeln? Nicht unfehlbarer - diese Werkzeuge halluzinieren, und das bleibt eine reale Grenze. Aber breiter: mehr Quellen, mehr Rechtsordnungen, mehr Patente gesichtet, als ein Mensch je allein bewältigen könnte. Besser gefunden, was relevant ist, wo bisher entscheidende Treffer im Rauschen untergingen. Rohentwürfe verfasst, an denen sich die eigentliche Urteilskraft reiben kann. Schneller in den Zusammenhängen, die sich über große Materialmengen erst auf den zweiten Blick zeigen. Gründlicher dort, wo Routine bislang die Aufmerksamkeit gefressen hat. Und gerade dadurch wieder frei für das, was nur menschliche Urteilskraft leisten kann: prüfen, abwägen, verantworten. Das ist kein naiver Optimismus. Es ist die Entscheidung, den Blick vom Nebenschauplatz zurück auf den Kern zu richten. Und was dieser Kern ist, bleibt zutiefst individuell. Ob mein Vater den Kern seines Musizierens überhaupt so sieht, wie ich ihn weiter oben beschrieben habe - als Berührung des seelischen Empfindens durch Klänge -, weiß ich nicht. Vielleicht ist er für ihn etwas ganz anderes. Und für jede Anwältin, jeden Richter wieder ein anderer. Niemand kann ihn dir benennen. Aber jeder kann ihn für sich finden - und genau das ist die eigentliche Arbeit.

Lass das Ralph Lauren im Schrank

Daher meine fast flehende Bitte - an die Branche, nein, gleich an die ganze Welt: Können wir das Ralph Lauren einmal im Schrank lassen? Können wir aufhören, ständig zu zeigen, dass wir das KI-Spiel mitspielen, und stattdessen den Fokus auf den Kern unseres Erzeugens richten? Die Veränderungen ehrlich anerkennen - auch die schmerzhaften - und zugleich aktiv die neuen Chancen suchen, statt nur die alten Verluste zu betrauern?

Ein Nebengedanke, der mich beim Schreiben gestreift hat: Der Frack im Schrank meines Vaters ist nicht nur Tradition - er ist auch eine Rüstung. Man legt die Makellosigkeit an, bevor man sich dem Urteil des Publikums aussetzt. Aber die Rüstung ist nicht die Musik. Und der ganze überdrehte KI-Enthusiasmus, all der Slop, den wir täglich produzieren, um bloß dazuzugehören, ist nichts anderes: Wir kleiden unsere Angst in Begeisterung und nennen es Strategie.

Also, vielleicht: einmal durchatmen. Die Rüstung ablegen - können wir das nicht? Eine Bach-Partita hören, statt den nächsten Slop nachzulegen. Und die Ruhe nutzen, um jenes neue Ich zu entwickeln, das die Chance bekommt - die echte, seltene Chance -, substanziell besser zu werden. Produktiver, gründlicher, mutiger in dem, was nur wir im Kern beitragen können. Denn das ist der eigentliche Gewinn, den die Angst uns verstellt: Wer sie ablegt, verliert nicht weniger, sondern gewinnt mehr. Die Freiheit nämlich, den Fokus endlich dorthin zu richten, wo er hingehört - auf das Bauen von etwas Großartigem. Nicht trotz dieser Werkzeuge, sondern mit ihnen.

Das Hemd meines Vaters hängt inzwischen dauerhaft im Schrank. Er ist in Rente und hat sich der Musikforschung verschrieben. Auf seinem Platz im Orchester sitzt heute ein talentierter, junger Nachfolger. Niemand ist obsolet geworden; die Musik klingt weiter.


Quellen: Daten zur Alterung des Klassikpublikums via Population Europe, Classic FM und Audience Answers. Zu Claude for Legal: ABA Journal, Artificial Lawyer. Zur Bewertung von Anthropic: CNBC, Bloomberg, Fortune (IPO).